Heiner Thiel

Spheres


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Die Würdigung des Werkes eines Künstlers sollte besser nicht mit einer Polemik beginnen, doch scheint sie mir ausnahmsweise durchaus angebracht. Seit einigen Jahren hinterlassen die Kunstmärkte den Eindruck, von dreidimensionalen, raumfüllenden Installationen beherrscht zu sein. Sicher handelt es sich dabei um eines der vielen zyklischen Phänomene, die in diesem zugegebenermaßen schwer zu durch- und überschauenden Bereich seit einigen Jahrzehnten beobachtet werden können und daher nicht überbewertet werden sollten. Vermeintlich gelingt es der Installation, neue Horizonte zu öffnen und Herkömmliches zu überwinden. Zumindest aus der historisch geschulten Sicht verbietet sich die Überbewertung solcher Modeerscheinungen, wenn sich auch noch jedesmal eilfertige Vertreter der Kunstkritik bereitgefunden haben, die sich bemühten, gewinnsteigernde verbale Schützenhilfe zu leisten. Nicht zuletzt dieser letzte Umstand bewirkt eine Art kollektiver Trübung des Blicks für anderes als die massenhaft angeschwollene Flut von Erzeugnissen aus der künstlerischen Bastelabteilung, so daß viele ernsthafte Bemühungen abseits davon gar nicht erst oder nur sehr schwer ins Wahrnehmungsfeld geraten.
Hierzu gehört etwa auch das Überwinden der einst felsenfest erscheinenden Grenzen zwischen den herkömmlichen Kunstgattungen, vorzugsweise Malerei und Plastik, nicht jedoch durch Flucht in die raumbezogene Installation als einem völlig andersgearteten Feld, sondern mittels der ihnen selbst immanenten Qualitäten. Bei diesen handelt es sich im Bereich der Plastik notwendigerweise um die räumliche Form und im Bereich der Malerei um die Farbe.
Zu diesen gattungsübergreifenden Bemühungen gehören auch Heiner Thiels jüngste Arbeiten. Sie sind weder im Raum entfaltete Malerei noch farbig gefaßte Plastik. Das hier gegebene gestalterische Problem läßt sich so relativ einfach nicht fassen. Um die den Bereichen der Malerei bzw. Plastik wesensmäßig immanenten Qualitäten nicht nur zu kombinieren, sondern zu einem Dritten zu verschmelzen, bedarf es einer Synthese, die begrifflich nicht einfach zu bestimmen sein dürfte.
Heiner Thiel kommt von der räumlichen Gestaltung. Ihn interessiert daher vordringlich das Problem der realen Form, wie er es in jahrelanger Forschung in seinen früheren Arbeiten behandelt hat. Zu dem gesellt sich aber seit einiger Zeit das Interesse auch an der erscheingungshaften Form, womit Qualitäten ins Spiel kommen, die für gewöhnlich der Malerei vorbehalten sind. Sicher ist es für einen Plastiker nicht so einfach, wie es scheinen mag, sich einen ihm im Grunde wesensfremden Problembereich in gleicher Weise anzueignen, wie sein ureigenes Arbeitsgebiet; umgekehrt wird sich kaum ein Maler anmaßen, im dreidimensionalen Bereich sofort in gleicher Weise zu Hause zu sein, wie in der Malerei, die zu ergründen er sich Jahre und evtl. sogar Jahrzehnte bemühen mußte.
Dennoch stellen die neuen Arbeit Heiner Thiels eine behutsam und geduldig erarbeitete, gelungene Synthese dar, also etwas wirklich Neues in seinem Schaffen, nicht bloß eine Variante bisheriger Problemlösungen. Die Metallplatten kleinen und mittleren Formats befinden sich wie Malerei vertikal an der Wand und wirken aus einiger Distanz möglicherweise wie monochrome Malerei. Doch widerspricht dem zunächst die völlig unkörperliche Färbung, wie auch die Krümmung der Platten; der für die Malerei zutreffende und oft gebrauchte Begriff "Farbträger" wäre verfehlt. Es handelt sich um eloxierte Metallplatten, deren Farbe sich chemophysischen Prozessen verdankt, also nicht durch Pigmentauftrag entsteht; deshalb gibt es auch keine auf Handarbeit verweisende Auftragsspuren. Vielmehr ist die Färbung so mit der Oberfläche des Metalls identisch, daß dessen Materialqualität erhalten bleibt und etwa als spezifischer und je nach Bewegung der Oberfläche variabler Glanz zur Geltung kommt, was nicht einmal bei einer auflackierten Lasurfarbe in gleicher Weise möglich wäre. Es entsteht eine Art Farblicht jenseits der durch Malerei bereitgestellten Möglichkeiten. Eben darum handelt es sich nicht um eine extravagante Art monochromer Malerei, doch spricht auch noch ein weiterer, wesentlicher Grund dagegen. Die Metallplatten sind leicht gekrümmt, wölben sich besonders an den Ecken von der Wand weg auf den Betrachter zu, was einerseits zu geschwungenen Schattenzonen hinter ihnen und andererseits zu unterschiedlicher farblichthafter Intensität auf ihnen führt. So entstehen unausmeßbare Farbräume. Die Platten sind jedoch nicht lediglich quadratische Bleche, die an den Ecken aufgebogen wären, sondern präzise erstellte Kugelsegmente (worauf der Untertitel Sphere hinweist), also Ausschnitte von virtuellen Kugeln, deren geometrisch konzeptueller Ansatz noch die Herkunft aus Formproblemen der konkreten Kunst erkennen läßt.
Steht der Betrachter im Mittelpunkt einer solchen virtuellen Kugel mit Durchmesser von bis zu einigen Metern, dann - und nur dann - erscheinen die Kanten der Objekte parallel und rechtwinklig, und ihre Wirkung wäre die einer ebenen Fläche, zeigten nicht gekrümmte Schatten hinter ihnen, bzw. Farbraumerscheinungen auf ihnen an, daß es räumliche Gebilde sein müssen. Hier scheint sich eine Diskrepanz der Wahrnehmung einzustellen, der nur die Standortveränderung entgegenzuarbeiten vermag. Hierzu fühlt sich der Betrachter geradezu aufgefordert, will er sich Klarheit über das Wahrgenommene verschaffen. Diese ist aber bei den Objekten nicht zu erlangen, doch führt die Annäherung immerhin zur Erkenntnis der tatsächlichen Dreidimensionalität des Objektes, ohne daß darüber seine farbräumliche Qualität verloren ginge. Die ausschließlich den Bereichen Malerei und Plastik vorbehaltenen, wesensmäßigen Eigenschaften sind nicht nur unabhängig voneinander angewendet worden, sondern haben in diesen Objekten tatsächlich zusammengefunden und sind nicht mehr voneinander lösbar.
Heiner Thiel schafft damit eine Synthese, etwas wesensmäßig Anderes, was in seinem Werk einen erheblichen Qualitätsschub bedeutet.

Matthias Bleyl

Although one shouldn’t begin a laudatory review of an artist with a polemic, it nevertheless seems appropriate here to make an exception. For several years now, the art market has left the impression that it was dominated by large, three-dimensional installations filling entire rooms. This is certainly one of the many repeated phenomena which have been observable for some decades in this part of the art world (an area which admittedly is not easy to comprehend) and should therefore not be taken too seriously. These installations supposedly manage to open up new horizons and to transcend the status quo. At least for the historically aware viewer, there is no danger of over-evaluating such fashion trends, even though standard bearers of art criticism are everpresent to popularize and help sell such works. Especially this type of verbal support has produced a kind of collective blindness for art that differs from the enormous flood of works from the arts and crafts bargain basement, so that many serious efforts only come into view with much difficulty or not at all.
One such effort is transcending the borders between established artistic genres which once appeared to be rock solid, especially the borders between painting and sculpture--but not by jumping into another genre like installation art, instead of using painting’s and sculpture’s own inherent qualities. For sculpture, these inherent qualities are three-dimensional form and for painting color. Heiner Thiel’s latest works are part of these efforts at transcending genre borders. His new pieces are neither paintings unfolded in space nor colored sculptures. The artistic problem at hand here can’t be put into such relatively easy terms. In order not only to combine the essential, inherent qualities of painting and sculpture, but to fuse them into a new third category, a synthesis is necessary which cannot be described in such a simple manner.
Heiner Thiel’s background is in sculpture. He is therefore mainly interested in the problem of real form which he examined for years in his earlier work. For some time now, he has added to this an interest in form as appearance, bringing properties into play which are usually the domain of painting. Presumably, it is not as easy as it may seem for a sculptor to appropriate an area which in reality is entirely foreign to him and master it in a similar way as his own area of work. Conversely, however, there is hardly a painter who would proclaim to be as comfortable in the three-dimensional realm as much as in painting; an area where he/she has worked in for years and maybe decades to understand it fully. Nevertheless, Heiner Thiel’s new work carefully approached a succesful synthesis--in other words, something entirely new in his body of work and not a variation on old solutions.
The small and medium format metal sheets are vertically hung on the wall, possibly appearing at a distance like monochrome paintings. This appearance is contradicted first of all by the entirely intangible color as well as by the curvature of the sheets; the often used painting term “color support” would be inappropriate here. These are anodized metal sheets which owe their color to chemophysical processes and not to the addition of pigment - the reason why there are no traces of color application by hand. Rather, the coloration is so identical with the surface of the metal that the metal’s material properties remain visible, expressing themselves in variable degrees of shine, according to movement of the surface. This is something that wouldn’t be possible with something such as painted-on varnish. A kind of colored light shines through which painting simply doesn’t allow. This is one reason why these works are not some extravagant type of monochrome painting. Yet, there is another more important reason why. The metal sheets are slightly warped and curve at the corners away from the wall and toward the spectator, causing on the one hand curvy shadow areas behind the sheets and, on the other hand, zones of different colored light intensity. Thus, an unmeasurable space of color comes into existence. The sheets, however, are not simply square surfaces which are bent at the corners, but rather precisely crafted spherical segments (hence the subtitle “spheres”), that is portions of virtual spheres - a geometrically conceptual approach which suggests its origin in the problems of form found in Concrete Art. If the spectator stands in the center of such a virtual sphere (which can have a diameter of up to several meters), then, and only then, will the edges of the pieces appear parallel and at right angles. Their appearance would be that of a flat surface if it weren’t for the curved shadows behind and the color space phenomena on the objects, exposing them as three-dimensional. This seems to cause a discrepancy in perception which can only be countered by changing one’s point of view. The spectator feels compelled to move if he/she wants to achieve any degree of clarity over what he/she perceives. Such a clarity is unobtainable with these objects, yet stepping closer to them at least leads to a comprehension of their factual three-dimensionality without losing their color space qualities. Sculpture's and painting’s exclusive and essential properties have not been used independently of each other, but instead have come together, being no longer separable. Heiner Thiel’s work thus creates a synthesis; something essentially different which marks a significant step forward in the quality of his work.

Matthias Bleyl